MANV und Großschadenslage
MANV heißt Massenanfall von Verletzten: die Zahl der Patienten übersteigt die verfügbaren Mittel. Das ist keine Frage einer absoluten Zahl, sondern des Verhältnisses — drei Schwerverletzte in einer ländlichen Region können ein MANV sein, zehn Leichtverletzte in einer Großstadt nicht.
Was sich für die Leitstelle ändert
Im Regelbetrieb wird patientenbezogen disponiert: ein Notfall, ein passendes Mittel, eine Zielklinik. Im MANV wird lagebezogen disponiert.
| Regelbetrieb | MANV |
|---|---|
| bestes Mittel für diesen Patienten | ausreichende Mittel für die Lage |
| Zielklinik nach Fachabteilung | Patienten auf mehrere Häuser verteilen |
| Einzelrückmeldungen | eine Lagemeldung von der Einsatzleitung |
| Leitstelle koordiniert direkt | Leitstelle koordiniert über die Einsatzleitung vor Ort |
Der wichtigste Unterschied: Die Leitstelle spricht nicht mehr mit jedem Rettungsmittel einzeln. Sie spricht mit der Einsatzleitung vor Ort, und die verteilt.
Die Rolle des Hubschraubers
Das ist der Punkt, den man leicht falsch macht. Ein Rettungshubschrauber ist in einer Großschadenslage kein Transportmittel für viele. Er nimmt einen Patienten, selten zwei.
Sein Wert liegt woanders:
- Er bringt Kompetenz. Ein Notarzt und eine erfahrene Crew sind vor Ort oft wertvoller als ein weiterer Transportplatz — gerade in den ersten Minuten, in denen noch niemand die Lage überblickt.
- Er verschafft Überblick. Ein Anflug über die Schadensstelle liefert Ausdehnung, Zugänge und Betroffenenzahl schneller als jede Meldung vom Boden.
- Er erreicht die richtige Klinik. Wenn die nahen Häuser voll sind, fliegt er den einen Patienten, für den nur ein weit entferntes Zentrum in Frage kommt.
- Er verlegt. Nach der ersten Welle beginnt die Umverteilung — siehe Intensivtransport.
Was er nicht tut
Landen, alles vollpacken, wegfliegen. Wer das erste eintreffende Mittel ist, gibt zuerst eine Lagemeldung — ohne die kann die Leitstelle nichts nachalarmieren.
Die erste Lagemeldung
Wer zuerst da ist, sagt in dieser Reihenfolge, was er sieht. Kurz, ohne Vermutungen:
Inhalt der ersten Lagemeldung
- Was ist passiert — Art des Ereignisses
- Wo genau — Zugang, nicht nur Koordinate
- Wie viele Betroffene — geschätzt, mit dem Wort „geschätzt“
- Welche Gefahren — Brand, Gefahrstoff, Absturzgefahr, Stromleitung
- Was wird gebraucht — konkret, keine Wunschliste
- Wo soll nachrückendes Personal hin — Bereitstellungsraum
Beispiel
„Leitstelle von Christoph 51 — Lagemeldung. Verkehrsunfall Bus gegen Lkw, A8 Höhe Ausfahrt Merklingen, Fahrtrichtung Ulm. Geschätzt fünfzehn Betroffene, davon vier bewusstlos. Keine Gefahrstoffe erkennbar, Fahrbahn blockiert. Erbitte MANV-Alarm und Landeplatz für weitere Luftrettungsmittel auf der Gegenfahrbahn.“
Die Zahl darf ruhig grob sein. Eine geschätzte Zahl nach zwei Minuten ist mehr wert als eine genaue nach zwanzig.
Sichtung
Bei mehr Patienten als Behandlern wird gesichtet: Wer braucht sofort etwas, wer kann warten, wer ist nicht mehr zu retten. Die dafür verwendeten Kategorien und Verfahren sind regional unterschiedlich — es gibt kein einheitliches System über alle Länder und Bundesländer hinweg.